Seat Leon: Stumme Pause

2006 präsentierte Steve Jobs den Fortschritt bei der iPod-Integration in der Autoindustrie: “70 percent of the new cars sold in the US offer iPod connectivity as an option.” Inzwischen hatten die Autohersteller über 10 Jahre Zeit, zumindest Bluetooth-Audio als standardmäßigen Nachfolger in die Fahrzeuge zu bringen. Abseits von Android Auto und CarPlay. Einfach nur Audio vom Telefon in das Autoradio. Was soll schon schiefgehen? Hier in einem brandneuen Seat Leon, vermutlich auch ähnlich bei anderen VW-Einsteiger-Radios:

Mangels Play/Pause-Taste am Lenkrad wird die Lautstärke dafür mitgenutzt. Lautstärke 0 = Pause. Lautstärke hoch = Play. Die Siri/Sprachbedienungs-Taste am Lenkrad ist in diesem Modell ohne Funktion, und während der Fahrt den resistiven Touchscreen zu bedienen ist lebensgefährlich. Im geparkten Auto bekommt man wenigstens nur einen Herzinfarkt, weil die Bedienung so grausam ungenau ist. Das iPhone über die eingebaute USB-Buchse zu laden, scheitert. Der Zigarettenanzünder für seriösen Strom ist in der Mittelarmlehne, und das Auto sähe bald wieder aus wie der Kabelsalat hinter meinem Fernseher.

Gut, die digitale Automobilindustrie bewegt sich langsamer als die übrige IT, aber sollten nicht wenigstens nach 10 Jahren mit Smartphones die Basics halbwegs bedienbar sein? Vor 6 Jahren habe ich hier die Integration in einem nicht sehr viel teureren BMW gezeigt:

Das war noch eine recht umständliche Lösung mit einer Dock-Connector-Cradle, aber das lief schon wesentlich runder als einfach nur den Seat als Bluetooth-Lautsprecher zu nutzen.

Gut, Hörer schreiben, dass die verkabelte CarPlay-Integration im größeren Radio bei Seat weniger stinkt (Aufpreis 600-1000 Euro), dafür ist Bluetooth und USB wohl auch bei Opel eine Katastrophe. VW musste wohl eine Reihe von neueren Fahrzeugen überarbeiten, weil der USB für CarPlay so wie hier im Seat auch zu wenig Strom geliefert hat.

Was das restliche Auto angeht:

Ich bin dieses Wochenende die ersten 1000km in diesem Seat gefahren, und der Blech- und Öl-Teil ist soweit klassentypisch akzeptabel, wenn auch keine große Freude am Fahren aufkommt. Insbesondere die Tempomat-Bedienung ist ganz besonders unintuitiv und ein permanentes Ärgernis, weil drei Tasten mit vier Funktionen belegt sind. Das bedeutet jeweils einen zusätzlichen Blick ins Display, um den State des Tempomats vor jedem Tastendruck zu erkennen. Ansonsten ist unklar, was der Klick jetzt gerade bedeutet. Der Tempomat-Zustand hat zwei Elemente: Eine grüne LED zeigt an, ob die Geschwindigkeit gerade aktiv geregelt wird. Die zuletzt gewählte Geschwindigkeit steht links unten im Display. An der gleichen Stelle, an der auch FrontAssist, der Radar-Abstandswarner und Bremsassistent recht großzügig ein zu dichtes Auffahren anzeigt. Diese Entscheidung kann ich nicht recht nachvollziehen, eine Position im Display für eine reine Information und gleichzeitig eine Gefahrenanzeige zu nutzen. Wie das System reagiert, wenn der Abstand wirklich kritisch wird, habe ich glücklicherweise nicht ausprobieren müssen. Vergleich zu Mercedes: Dort sind die vier Tempomat-Funktionen narrensicher auf zwei Achsen eines Hebels (rauf, runter, vor, zurück), und der Status wird als Leuchtring um den Tacho und als Einblendung im Display gezeigt.

Ein ähnliches Problem bei der Auswahl der Information, die im Mitteldisplay zwischen Tacho und Drehzahlmesser angezeigt werden: Die Auswahltaste am Lenkrad (Pfeil links/rechts) zeigt die Kategorien an (Audio / Fahrzeug / …) und hält diese Überschrift eine Sekunde auf dem Display, bevor die eigentliche Information angezeigt wird. Im Zweifel schaut der Fahrer eine Sekunde länger als nötig auf das Display statt auf die Straße, während er auf den Computer wartet. Gegenbeispiel bei Mercedes: Die Kategorie hat keinen eigenen Screen. Blättern auf dem Lenkrad zeigt sofort die Information (Bayern 3 / 100km/h / …). Bonus-Aufgabe für das Seat-Radio: Stell einen Sender ein, der noch nicht abgespeichert ist. Ich habe es nicht geschafft.

Im Bereich der rechten B-Säule ist bei höheren Geschwindigkeiten ein sehr aufdringliches Flattergeräusch (Wind?), das links fehlt und vermutlich nicht so gedacht ist. Der Beifahrer auf der Rückbank hat sich über einen kalten Luftzug beschwert und die Winterjacke wieder angezogen.

Fazit: 80 Jahre Erfahrung beim Blechbiegen helfen kein Stück bei UI und UX. Nach dieser ausführlichen Probefahrt ist klar: Die größten Schwächen von dem Auto sind nur in Software und nur ein Firmware-Update könnte aus dem vernichtenden Urteil eine mittelmäßige Empfehlung machen.