Nach einem Jahr Paydirekt

Paydirekt-Kundin in Tigerleggings Bild: Sparkasse
Paydirekt-Kundin in “Tigerleggings”
Bild: Sparkasse

Fragt man Paydirekt oder das marketingstarke Zugpferd, die Sparkasse, was das überhaupt soll, kommt folgende Antwort:

Positioniert hat sich Paydirekt gegen PayPal, wenngleich der viel passendere Vergleich eigentlich SofortÜberweisung gewesen wäre. Nur ist das Image von PayPal in Deutschland aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen sehr viel angeschlagener und gibt deswegen ein schöneres Ziel ab. Vielleicht kommt das von alten Ammenmärchen vom eBay-Betrüger, der von PayPal in Schutz genommen wird. Das ist sicher vorgekommen, aber nicht die Regel. Ich zumindest hatte sowohl als privater Käufer wie auch als gewerblicher Verkäufer in den letzten 10 Jahren bei PayPal keinerlei Probleme.

Der Datenschutz: Wäre das ein Problem, um das sich deutsche Konsumenten tatsächlich kümmern würden, wäre Facebook in Deutschland eine Wüste. Stattdessen muss sich (zurecht!) das sympathische Startup aus Kalifornien beim Minister rechtfertigen, weil sich dort zu viele Idioten tummeln.

Während der Olympia-Übertragungen aus Rio schaltet die Sparkasse diese Spots:

Die absurde Botschaft: Du wirfst dein Geld im Internet für Müll aus dem Fenster? Dann zahl doch mit uns, das ist wenigstens sicher.

Die große Unsicherheit allerdings, die die Spots implizieren, gibt es gar nicht. PayPal, um bei dem auserkorenem Konkurrenten zu bleiben, erstattet bei nicht grob fahrlässigem Missbrauch des Accounts den vollen Betrag. Wer sein Passwort in die nächstbeste Phishing-Mail eintippt, würde das bei Phishing gegen Paydirekt ebenso tun. Es gibt ohne Zweifel Fehlentscheidungen bei jedem Zahlungsanbieter. Hätte Paydirekt seit 10 Jahren hunderte Transaktionen pro Sekunde, so wie PayPal, die Horrorgeschichten müssten sich nicht lange suchen lassen.

Tatsächlich ist auch hier eher Sofort zu kritisieren, die sich im Namen des Kunden in dessen Onlinebanking einloggen und dort vollen Zugriff auf alle Kontobewegungen, Kontostand und persönliche Daten erhalten. Tatsächlich scheint das in der Praxis "sicher" zu funktionieren, aber der Beigeschmack ist auch mir zu schlecht, ich habe Sofort wieder aus dem Shop entfernt. Die Gerichte halten Sofort für ein gängiges Zahlungsmittel, ich rate aber zur Vorsicht bei der Eingabe von TANs in Websites, die nicht von der Bank stammen.

Sicherheit! Wo greift der Käuferschutz bei Paydirekt? Die Einschränkungen sind verblüffend ähnlich zu denen von PayPal. Virtuelle Güter sind nämlich ausgeschlossen. Keine Sicherheit für Schlumpfbeeren. Wie es in der Praxis bei Betrug aussieht? Mangels Transaktionen bisher keine Erfahrungsberichte bei Paydirekt. Und: wer nur laut genug "sicher" im Slogan hat, wird bei entsprechender Beliebtheit von den Hackern auf's Korn genommen.

Käuferschutz: Sollte die Ware einmal nicht versandt werden, keine Sorge! Mit paydirekt genießen Sie vollen Käuferschutz. Melden Sie uns einfach über Ihren Kundenbereich Ihr Anliegen und wir kümmern uns darum. Sie erhalten im Fall der Fälle eine volle Erstattung des Kaufbetrags sowie der Versandkosten bei versandfähigen Waren.

Sofort lässt sich einen Schutz zusätzlich bezahlen, denn tatsächlich steht hinter dem Konzept einfach nur eine Vorkasse-Überweisung, die keinerlei Schutz von irgendwem genießt.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich möchte weder PayPal noch Sofort in Schutz nehmen. Die Gebühren von beiden sind zu hoch, das Interface und die API von beiden ist oder war zumindest lange Zeit eine Zumutung, aber sie haben einen enormen Vorteil: In fast jedem deutschen Onlineshop, und sei er noch so exotisch, wird zumindest einer von beiden als Zahlungsmethode angenommen. Und kommt mir nicht mit Datenschutz. Facebook weiß ohnehin, was ich eingekauft habe, weil ich im Zweifelsfall mit seinem unverschlüsselten Bot darüber gechattet habe oder über Facebook-Buttons gestolpert bin.

Was bleibt noch? Ach ja, Barzahlen.de. Konzept: Wir nutzen die Kassen im Supermarkt als Bankschalter und lassen Kunden quasi-anonym mit Bargeld bezahlen. Das erfreut sich wohl einiger Beliebtheit bei N26, dem sympathischen Fintech Startup aus Berlin, das sich damit die Geldautomaten-Gebühren sparen will. Wenn es denn nicht am Kassenpersonal bei Rewe scheitert. Ein Hörer hatte sich bei mir gemeldet, der einen Onlineshop betreibt und sehr erfolgreich Barzahlen.de als Zahlungsmethode anbietet: Es ist ein Headshop, verkauft also Zubehör für den Konsum von Cannabis und anderen Rauchwaren. Würden seine Kunden bedenkenlos bei Paydirekt zahlen?

Das Versagen auf Händlerseite ist inzwischen ausreichend dokumentiert. Es gibt keinen Self-Sign-On (es läuft über die Hausbank, vermutlich sind Faxgeräte beteiligt), es gibt keine zuvor einsehbaren Preise (Verhandlungen mit allen Banken einzeln sind vonnöten), die Preise sind allerdings laut Insidern höher als bei der Konkurrenz. Bevor ich freiwillig einen Bankberater anrufe, geschweige denn ein Dutzend, habe ich schon lange den PayPal-Warenkorb auf der Seite integriert.

Essentiell für die Masse der kleinen Shops sind Plugins für die gängigen Shopsysteme, für die Paydirekt eine Lizenzgebühr von einer Drittfirma einkassieren lässt. Stripe macht vor, wie es geht: In der Dokumentation sind direkt Codeschnipsel mit gültigen Testkeys, die zeigen, wie die Abrechnung funktioniert. Kann man in ein Terminal kopieren und sehen, ob das für den eigenen Shop funktioniert.

Man kann den Twitter-Account damit ein wenig foppen, aber das Vergnügen hilft nicht nachhaltig gegen die Probleme.

Das Resultat nach einem Jahr Paydirekt: Die Sparkasse meldet in internen Folien 400 Transaktionen. Pro Woche. Passender Kommentar dazu: Dafür braucht man ja noch nicht einmal den Rechner hochfahren. Das geht von Hand. Eine Überweisung alle 20 Minuten. Glückwunsch. Paypal macht über 200 pro Sekunde.

Das Englische kennt die schöne Redewendung für die Situation: Throwing good money after bad. Bisher sind wohl zumindest 100 Millionen Euro in Paydirekt versenkt worden. Um das noch ein paar Jahre weiterzuschleppen, sind noch viele weitere Millionen nötig. Und dann wird die Bude schulterzuckend dichtgemacht oder wie ein ungeliebtes Spielzeug in der Ecke liegengelassen, wie GeldKarte und GiroPay, die anderen gescheiterten Versuche der deutschen Banken, weg vom Überweisungsträger.

Ich empfehle also dringend, Paydirekt noch vor dem Weihnachtsgeschäft schnell wieder dichtzumachen. Denn eine sinnvolle Alternative wäre bis dahin sehr einfach zu implementieren, und PayPal und Sofort würden 2017 in Deutschland kaum noch einen Cent Umsatz machen.

Wir überlegen uns morgen in Teil 2 dieses Posts mal, was überhaupt das Ziel ist (das Paydirekt irgendwo in einem Meeting aus den Augen verloren hatte), und wie das System aussehen würde.