Endlich Auphonic Freemium

Auphonic, der eierlegende Pezibär der Audiolevelingsoftware von Georg Holzmann und Co hat heute sein Bezahlmodell vorgestellt. Bisher gab es den Webservice gratis und den Desktop-Client für eine einmalige Lizenzgebühr von 69 bzw 299 Euro.

Am Desktop-Client ändert sich heute nichts, der kostenlose Webservice wird aber auf 2 Stunden Input pro Monat beschränkt, wer mehr braucht, zahlt zwischen 1,80 und 0,69 Euro netto pro Stunde Input.

Endlich!

Ich hole mal etwas aus, warum das wichtig ist:

Ein Argument, das heute und auch in anderen Zusammenhängen herumgereicht wird, ist, es ginge um die Finanzierung der Server. Das ist aber sicherlich nur ein kleiner Teil der Kosten: Server, die man heute virtuell in der Wolke je nach Last hoch- und herrunterfahren kann, lassen sich extrem kostengünstig bereitstellen. Ich weiß nicht, wie viel Material Auphonic parallel zu bearbeiten hat, aber v.a. was den Traffic angeht, sollten die üblichen Standardpakete, v.a. bei physikalischer Hardware, einen Großteil der Ansprüche günstig abdecken. Die Rechenzeit, die man auch im Desktopclient beobachten kann, ist zwar nicht unerheblich, aber auf moderner Hardware auch in einem Bruchteil der Echtzeit zu bewerkstelligen. Das Processing läuft dort in einem einzelnen Thread, d.h. auf einer einzelnen Maschine mit mehreren CPU-Kernen lassen sich viele Produktionen parallel rechnen. Oder sie müssten sich eben in eine Warteschlange einreihen.

Wichtiger ist: ohne nähere Informationen darüber zu haben, gehe ich davon aus, dass Auphonic ein echter Vollzeitjob für Georg ist. Sein Know-How für die Audioverarbeitung ist sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal. Aber das alleine wäre noch in der Abteilung: nette akademische Idee, aber ohne die Umsetzung nichts wert. Wer sich das übrigens als Hardware ins Rack schrauben will, findet bei Orban einen Optimod für ca. 5000$, der etwas ähnliches versucht.

Dazu kommt eine zuverlässig funktionierende Webapp samt API, die einen wichtigen Teil und unglaublich drögen und fehleranfälligen Teil des Podcast-Workflows mit Encoding und Metadaten-Einbettung und Deployment abbildet. Und mit dieser Kombination aus Nachbearbeitung und Dateikram steht Auphonic völlig alleine da in der Dienstelandschaft. Und der Dienst wird fortwährend weiterentwickelt, zuletzt mit der Multitrack-Beta.

Nachhaltigkeit ist ein unhandliches deutsches Wort. Sustainability sagt besser, was es meint: Aufrechterhaltbarkeit.

Und das macht eben den Unterschied zwischen einer risikokapitalfinanzierten Bude aus, bei der man nur die Frage stellen muss, wieviel Phantasiegeld noch zum Verbrennen zur Verfügung steht, bis Gründer und Investoren nach einer Übernahme ausbezahlt werden oder die Bude eingestampft wird.

Wenn wir wollen, dass sich viele Podcasts gut anhören, dass dieses Angebot genutzt werden kann und weiter besteht, muss es sich selbst tragen. Die Alternative wäre früher oder später, dass der Dienst eingestellt werden müsste, weil er sich nicht trägt. Oder an jemanden wie Soundcloud verkauft wird und damit wieder im Phantasiegeldland mitschwimmt.

Wer muss es also bezahlen? Diejenigen, die den Service nutzen, die Podcaster. Die fertigen Mediendateien werden millionenfach an die Hörer verteilt. Und da macht es im Zweifelsfall den Unterschied zwischen einem glücklichen treuen Abonnenten und einem verlorenen Hörer aus, wenn er in einem lauten Flugzeug nichts versteht.

Bei echten Startups muss man fragen, ob die Idee und Umsetzung so gut sind und der Gründer so viel Herzblut hineinstecken kann und will, dass er das dauerhaft weiterentwickeln will, dass er es zu seinem Vollzeitjob macht. Also muss der Webservice fortlaufend finanziert werden, und weil die Zielgruppe so klein ist, muss der Desktop-Client einen normalen Preis für professionelle Software haben.

Deswegen: Endlich. Die Zukunft für Auphonic sieht für mich jetzt aufrechterhaltbar aus, und das freut mich.

Welche exakte Zahl neben dem Eurozeichen steht, ist übrigens auch kein wirklicher Diskussionspunkt. Ich finde die Preise erstens völlig in Ordnung, und zweitens hat sich Auphonic sicherlich gut überlegt, wie viele Benutzer vermutlich zu Kunden werden, wie viel Vollzeitgehalt, externe Kosten und der Betrieb des Dienstes ausmachen und ist darüber auf diesen Preis gekommen. Und nach oben ist immer Luft.

Am Rande zum Preismodell: ich finde es noch ein klein wenig unrund, weil relativ kompliziert oder zumindest etwas kompliziert präsentiert. Allgemein gesprochen sollte so ein Modell eher einfach gehalten sein. Andererseits: wer stundenweise Audio produziert, sollte eigentlich auch die Tabelle mental erfassen können. Alternative Preismodelle wären auch denkbar gewesen, von Pay-what-you-want über Crowdfunding bis zum Einheitspreis, aber auch das ist eine Entscheidung des Anbieters.

Transparenzdings: Den Desktop-Client habe ich nach der Betaphase gratis bekommen, werde mir jetzt aber ein Abo für den Webservice shoppen. Shut up and take my money.