“Endlich” StreamOn

Wir hatten bereits mehrfach in der Sendung über das Zero-Rating-Angebot der Telekom, StreamOn, gesprochen. Zunächst über die US-Version, BingeOn, und jetzt über das deutsche Pendant, das kürzlich mit einer relativ peinlichen Veranstaltung eingeführt wurde.

Es geht um Bits und so, ein Audio- und Video-Magazin, das ich seit über 10 Jahren betreibe. Die Telekom behauptet, sie würde kein Angebot diskriminieren, egal wie klein. Thomas Lohninger fordert bei netzpolitik.org, diese Behauptung durch die Anmeldung des eigenen Angebots zu überprüfen.

Das werde ich nicht tun, da die Anmeldung viele unkalkulierbare Risiken für den Anbieter birgt. Ganz abgesehen vom erneuten eklatanten Verstoß der Telekom gegen die Netzneutralität.

Unklarheiten

  • Fällt Bits und so unter die Audio- oder Video- oder unter beide Kategorien?

Der primäre Vertriebsweg für die Sendung ist als Podcast, sprich als RSS-Feed mit Enclosures. Daneben bieten wir aber zunehmend Video-Streams und potentiell künftig auch Downloads an, allerdings über die gleiche technische Grundlage, nämlich Apples HLS.

  • Was unterscheidet "Stream" und "Download"?

Sind Downloads ebenfalls von dem Angebot abgedeckt? HLS beispielsweise, wie es vermutlich größtenteils auch von Netflix und Konsorten, allerdings nicht von den Musik-Streamern genutzt wird, ist kein klassisches Streaming-Protokoll, sondern nutzt normale HTTP-Downloads von einzelnen Medien-Segmenten, die nacheinander abgespielt werden.
Damit ist ohnehin eine wirklich trennscharfe Unterscheidung der Zugriffe nicht möglich. Auch hier nutzen wir ein offenes Format, das z.B. auch in VLC abgespielt werden kann oder auf einem beliebigen Android-Smartphone, über dessen Player wir keine Kontrolle haben.

  • Wir kontrollieren die Großzahl der Clients nicht.

Podcasts sind als offenes Format nicht an eine bestimmte App gebunden, wie z.B. ein Streaming-Dienst wie Spotify. Was Clients in welcher Form mit den von uns bereitgestellten Podcast-Downloads anstellen, können wir nicht beeinflussen.

Risiken

Die AGB für StreamOn fordern unter anderem:

  • Jede Änderung an diesen Identifikationsmerkmalen muss der Telekom 4 Wochen im Vorhinein bekannt gegeben werden

Nein. Ich soll also für eine Änderung meiner Server, einer URL oder sonstiger Merkmale 4 Wochen abwarten? Das ist ja schlimmer als der Zertifikationsprozess für iPhone-Apps bei Apple.

  • Die Telekom kriegt Zugang zu allen Beta und vorab Versionen des Dienstes

Ebenfalls Nein.

  • Mache ich einen Fehler bei den Identifikationsmerkmalen, die über Zero-Rating oder nicht entscheiden, hafte ich für das fälschlich nicht berechnete Datenvolumen, das bei den Kunden nicht berechnet worden ist.

Eine kleine Fehlkonfiguration, und bis zu 50.000 Euro sind fällig. Nein.
Wie viel für ein falsch berechnetes Terabyte angesetzt wird, ist vorab nicht zu erfahren. Nach dem Kostenrechner in der Telekom Cloud verlangt die Telekom pro TB Traffic 64 Euro. Auf dem vermeintlich kostbareren Mobilfunknetz kann das anders aussehen.

Erpressbarkeit

Neben den genannten Unklarheiten und Risiken kommt aber noch das Grundproblem dazu, dass die Telekom erneut versucht, Anbieter und dessen Kunden gegeneinander auszuspielen.

StreamOn ist derzeit für den Anbieter und den Kunden kostenlos. Die Daumenschrauben werden vorsorglich schon einmal angelegt, aber noch nicht festgezogen.

In ein, zwei oder drei Jahren kann sich das ändern. Ich habe keine Versprechung gelesen, das Angebot würde auch dauerhaft gratis bleiben.

Schon am Tag der Ankündigung ließen sich Tweets wie dieser finden:

Kunden werden dazu bewegt, eher Dienste unter StreamOn zu nutzen, weil sie nicht gegen ihr Datenvolumen zählen. Tritt der Dienst dann unter dem Preisdruck des neuerdings kostenpflichtigen StreamOn-Dienstes dann aus, verliert er den Zugang zum Kunden, der sich dann eine Alternative sucht.

Umgekehrt kann sich die Telekom natürlich auch jederzeit überlegen, die Kunden für StreamOn zur Kasse zu bitten. Willste Netflix? Kostet 5 Euro extra bitte. Und da ist sie dahin, die Netzneutralität.

"Endlich"

Die Telekom verschleiert zunehmend, dass sie an dem ganzen Dilemma mit den künstlich knapp gehaltenen Datenvolumina selbst schuld ist. In der Einführungsveranstaltung für StreamOn wurde ein T-Azubi auf die Bühne gezerrt, der jammern sollte, wie schlimm es sei, wenn die SMS kommt, die die Drosselung auf Dialup-Geschwindigkeit ankündigt. Wer hat das denn in der Hand? Wer schickt denn diese SMS? Die Telekom selbst.

"Endlich" würde nur eine einzige Änderung rechtfertigen: Nämlich die Öffnung der Datenvolumina, und die Segmentierung der Preisstufen über die Geschwindigkeit der LTE-Verbindung. Ich bin mir absolut sicher, das Modell könnte wie in UK und Skandinavien hierzulande ebenso funktionieren, mit den gleichen oder besseren Umsätzen für die Anbieter. Das wäre ein "Endlich" wert. Die verlogene Beschwerde über die Drossel-SMS allerdings nicht.

Zero Rating verbieten!

Mich hätte aus Recherchegründen das Prozedere einer Anmeldung bei StreamOn als Anbieter interessiert, die Risiken und der erhebliche Aufwand, die Zeitverzögerung bei Änderungen an meinem Angebot sind es allerdings nicht wert. Ich möchte sogar der Forderung von Herrn Lohninger widersprechen: Kein Anbieter darf sich bei StreamOn anmelden, möchte er nicht über kurz oder lang von der Telekom erpresst werden. Die Politik und Bundesnetzagentur sind gefordert, Zero-Rating-Angebote umgehend zu verbieten.

Die Maus auf Band

Unser Hörer Andreas hat mich auf dieses einstündige Making-Of-Special von der Sendung mit der Maus hingewiesen:

http://www.ardmediathek.de/tv/Die-Sendung-mit-der-Maus/Die-Sendung-mit-der-Maus-Spezial-Wie-wi/Das-Erste/Video?bcastId=1458&documentId=42521062

Die Sendung mit der Maus hat natürlich einen besonderen Platz in meinem Herz: Als ich klein war, hatten wir nur einen Schwarzweiß-Fernseher, aber für die Sendung mit der Maus durfte ich zu den Nachbarn, um die Sendung auf dem Farbfernseher zu sehen. Und ich meine auch Janoschs Traumstunde, aber die Daten aus der Wikipedia wollen nicht so recht dazu passen.

Der Produktionsablauf, der gezeigt wird, fasziniert mich: Es wird zwar schon digital produziert, aber nur oberflächlich. Der Komponist faxt seine Noten zum digitalen Produzenten. Zwischen Redaktion, Produktion, Postproduktion, Finishing und Sender wird ein wilder Mix aus Bändern, DVDs und Sendebändern, die auf Disc daherkommen, hin- und hergetragen.

“Du kannst jetzt eine Kopie [von dem Sendeband] machen, für die Gebärdensprache-Version und die Untertitel” ist heute schon irgendwie ein bemerkenswerter Satz, wenn es dafür auch einen Server geben könnte.

Das einzige Element, das scheinbar ernsthaft digital existiert, sind die Maus-Animationen.

(Fast?) alle Rechner, die zu sehen sind, sind Macs von teilweise erheblichem Alter. Dicke 2010er iMacs, 2008er Mac Pros, eine Reihe von dicken MacBook Pros und ein einsamer 2013er Mac Pro beim Tonmeister, der auch nicht mehr weiß, warum er sich den angeschafft hat. Und natürlich läuft darauf Final Cut 7 forever.

Alles nicht wirklich überraschend, aber sehr interessant anzusehen. Wie hätte das Making-Of 1985 ausgesehen? Nicht viel anders, nur noch mit mehr echten Bändern.