Statt Paydirekt: Zaster

Paydirekt ist Murks, Made in Germany. Zurück ans Reißbrett, wir entwerfen ZASTER (schnell Zahlen An Shops ansTelle schrEcklicher voRkasse).

Das Ziel ist es, kostengünstig Online-Shops mit dem Online-Banking zu verbinden.
Das ist unter anderem auch reiner Eigennutz, denn ich verliere erhebliche Gebühren sowohl an Apples App Store, als auch an Kreditkarten und PayPal, worüber ein Großteil meiner Umsätze im Shop läuft. Und auch als Konsument verzweifle ich ab und an über Online-Shops, die dank sehr dünner Margen erheblichen Aufpreis für Zahlungsmethoden verlangen, die nicht Vorkasse sind.

Der Kunde wünscht einen schnellen Einkauf und schnelle Lieferung. Deswegen sind die Nachteile der nahezu kostenfreien Vorkasse-Überweisung:

  1. Die fehlende Schnittstelle vom Shop in das Onlinebanking, der Kunde muss das Formular von Hand ausfüllen
  2. Die Überweisung, die im Anschluss oft tagelang unterwegs ist

Sofort umgeht diese Probleme und kassiert dafür eine stattliche Gebühr dafür, dass sie

  1. Die Schnittstelle vom Shop in das Online-Banking bereitstellen, nämlich einen Scraper, der anstelle des Kunden den Überweisungsträger ausfüllt
  2. Und dem Shop garantiert, dass die Überweisung unwiederbringlich abgeschickt wurde, indem die TAN anstelle des Kunden in das Online-Banking getippt wird

Wir müssen also

  1. Eine Schnittstelle von dem Shop in das Online-Banking schaffen
  2. Dem Shop garantieren, dass die Überweisung erfolgreich abgeschickt wurde

Der aufmerksame Leser wird das Prinzip jetzt durchschaut haben. Es braucht keinen Abschluss in BWL oder ein Team von Beratern, um sich den Rest auszudenken.

Oder man wirft einfach einen Blick über die Grenze in die Niederlande.

Die Lösung dort heißt iDEAL, sie bietet

  1. Eine Schnittstelle vom Shop in das Online-Banking
  2. Garantiert dem Shop, dass die Überweisung erfolgreich abgeschickt wurde

Auf unser fiktives Zaster angewandt bedeutet das:

  1. Der Shop übermittelt die Zahlungsdaten an Zaster, und erhält im Gegenzug ein Token, mit dem er den Käufer an den Zaster-Server weiterleitet
  2. Der Käufer gibt seine BIC (oder IBAN) ein und wird zum Online-Banking seiner Bank weitergeleitet
  3. Der Käufer loggt sich in sein Online-Banking ein und findet die Überweisung bereits ausgefüllt vor, legitimiert sich per TAN
  4. Die Bank leitet den Käufer zurück in den Shop und bestätigt dem Shop mit dem Token, dass das Geld unwiederbringlich unterwegs zu ihm ist
  5. Der Shop kann am gleichen Tag die Ware abschicken

Das ist nicht ganz unähnlich zu GiroPay, das allerdings auch keine Rolle spielt. Jetzt wäre die Chance für einen Neustart, denn den Banken und Paydirekt selbst sollte die schlechte Lage wohl intern durchaus bewusst sein.

Die großen Vorteile wären:

  • Keinerlei Kosten für Tigerleggings-Endkunden-Marketing bei Olymischen Spielen
  • Kein Login, denn jede IBAN mit Online-Banking ist schon Zaster-fähig
  • Tatsächliche Kosten: 100 Euro pro Monat für einen Server in einem deutschen Rechenzentrum und 5000 Euro für einen Full Stack-Developer/DevOps-Administrator. Wir runden auf: 100.000 Euro im Jahr
  • Self-Serve Sign-On für die Shops. Legt noch 50000 Euro für 10 Shop-Plugins im ersten Jahr drauf
  • Die Geschwindigkeit von Sofort, ohne weitere Kosten

Ein weiterer Login für Paydirekt ist Wahnsinn. Viele Leute kennen kaum den Unterschied zwischen ihrem Login für den App Store und ihre Email. Was hat in der breiten Masse funktioniert? WhatsApp. Die Anmeldung läuft dort einfach über die Telefonnummer. Mit großen Mühen haben die Banken im Zuge der SEPA-Umstellung die IBAN unter die Leute gebracht. Warum nicht diesen "Login" in Verbindung mit dem Online-Banking nutzen?

Für die 100 Millionen Euro, die schon in Paydirekt versenkt worden sind, könnte man Zaster also 1000 Jahre betreiben. Aber es geht um ineffiziente Banken. Selbst mit einem Geldverschwendungs-Faktor von 10 oder 100 würde es sich vergleichsweise unendlich lang selbst tragen. Auf Seite der Banken wäre nur eine API nötig, die die Daten von Zaster entgegennimmt und einen Ping zurückschickt mit dem Ergebnis der Überweisung. Wer mitspielen will, gibt seinen Online-Banking-Entwicklern für eine Woche eine kleine Aufgabe.

iDEAL ist nicht so ideal, wie es der Name impliziert, aber wir könnten von den Nachbarn lernen. Wikipedia berichtet von Verfügbarkeitsproblemen. Wir legen einfach noch einen zweiten Server dazu.

Die Anmeldung muss noch einfacher sein (Self-Serve, mit Demo-Code), und die Gebühren müssen niedrig sein. iDEAL nimmt größenordnungsmäßig 20 Cent für eine Transaktion, hinter einem Dienstleister vielleicht 50 Cent.

PayPal hat in den ersten Jahren Millionen Dollar an Neukunden verschenkt, um den Fuß in die Tür zu bekommen. MasterCard hat das Memo bekommen, die hauseigene PayPal-Konkurrenz MasterPass lockt Neukunden mit Dutzenden von Euro Rabatt auf den ersten Kauf. Die Banken haben die Kunden schon, sie müssen ihnen nur zwei Klicks sparen und zwei Tage Wartezeit auf das Paket. Das Online-Banking ist etabliert, die Sicherheits-Infrastruktur mit TANs und SMS und Kram steht. Und den Händlern Gebühren ersparen, nicht den Weg versperren wie bei Paydirekt.

Wir haben in Deutschland einen Rückstand von knapp 20 Jahren auf PayPal, der aufgeholt werden will. Zaster könnte 5 oder 10 Jahre komplett gebührenfrei für den Händler laufen, danach könnte man über Gebühren im kleinen Cent-Bereich nachdenken. Wer im Jahr 2015 mit Gebühren einsteigt, die höher sind als die von PayPal, muss sich seinen Kopf untersuchen lassen. Selbst mit 0,1% Gebühren hätte Zaster leicht ein Gebührenpotential von über 5 Millionen Euro im Jahr.

Die Händler, die da nicht sofort aufspringen, möchte ich sehen. Ich wäre dabei.

Die deutschen Banken haben in den 1980ern mit BTX einen großen Schritt in das Online-Banking gewagt und seitdem alles komplett verschlafen. Jetzt wäre die Chance, Online-Shopping von einem Tag auf den anderen komplett zu revolutionieren und den Mittelsmännern gehörig das Geschäft schwierig zu machen. iDEAL hat in den Niederlanden einen Anteil an den Online-Umsätzen von über 50%. Paydirekt braucht nach einem Jahr viele Nachkommastellen, um seinen Anteil anzugeben.

Zaster ist so offensichtlich, dass es weh tut. Jede Bank, die das implementieren möchte, ist aber trotzdem herzlich eingeladen, mir absurde Beratungshonorare zu bezahlen. Über 44 Milliarden Euro Umsatz jährlich und rund 1 Milliarde eingesparte Gebühren für deutsche Online-Händler warten. Alternativ kann Paydirekt schnurstracks und peinlich in den Abgrund manövriert werden, und unendlich viel Geld für nichts versenkt werden.

Nach einem Jahr Paydirekt

Paydirekt-Kundin in Tigerleggings Bild: Sparkasse
Paydirekt-Kundin in “Tigerleggings”
Bild: Sparkasse

Fragt man Paydirekt oder das marketingstarke Zugpferd, die Sparkasse, was das überhaupt soll, kommt folgende Antwort:

Positioniert hat sich Paydirekt gegen PayPal, wenngleich der viel passendere Vergleich eigentlich SofortÜberweisung gewesen wäre. Nur ist das Image von PayPal in Deutschland aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen sehr viel angeschlagener und gibt deswegen ein schöneres Ziel ab. Vielleicht kommt das von alten Ammenmärchen vom eBay-Betrüger, der von PayPal in Schutz genommen wird. Das ist sicher vorgekommen, aber nicht die Regel. Ich zumindest hatte sowohl als privater Käufer wie auch als gewerblicher Verkäufer in den letzten 10 Jahren bei PayPal keinerlei Probleme.

Der Datenschutz: Wäre das ein Problem, um das sich deutsche Konsumenten tatsächlich kümmern würden, wäre Facebook in Deutschland eine Wüste. Stattdessen muss sich (zurecht!) das sympathische Startup aus Kalifornien beim Minister rechtfertigen, weil sich dort zu viele Idioten tummeln.

Während der Olympia-Übertragungen aus Rio schaltet die Sparkasse diese Spots:

Die absurde Botschaft: Du wirfst dein Geld im Internet für Müll aus dem Fenster? Dann zahl doch mit uns, das ist wenigstens sicher.

Die große Unsicherheit allerdings, die die Spots implizieren, gibt es gar nicht. PayPal, um bei dem auserkorenem Konkurrenten zu bleiben, erstattet bei nicht grob fahrlässigem Missbrauch des Accounts den vollen Betrag. Wer sein Passwort in die nächstbeste Phishing-Mail eintippt, würde das bei Phishing gegen Paydirekt ebenso tun. Es gibt ohne Zweifel Fehlentscheidungen bei jedem Zahlungsanbieter. Hätte Paydirekt seit 10 Jahren hunderte Transaktionen pro Sekunde, so wie PayPal, die Horrorgeschichten müssten sich nicht lange suchen lassen.

Tatsächlich ist auch hier eher Sofort zu kritisieren, die sich im Namen des Kunden in dessen Onlinebanking einloggen und dort vollen Zugriff auf alle Kontobewegungen, Kontostand und persönliche Daten erhalten. Tatsächlich scheint das in der Praxis "sicher" zu funktionieren, aber der Beigeschmack ist auch mir zu schlecht, ich habe Sofort wieder aus dem Shop entfernt. Die Gerichte halten Sofort für ein gängiges Zahlungsmittel, ich rate aber zur Vorsicht bei der Eingabe von TANs in Websites, die nicht von der Bank stammen.

Sicherheit! Wo greift der Käuferschutz bei Paydirekt? Die Einschränkungen sind verblüffend ähnlich zu denen von PayPal. Virtuelle Güter sind nämlich ausgeschlossen. Keine Sicherheit für Schlumpfbeeren. Wie es in der Praxis bei Betrug aussieht? Mangels Transaktionen bisher keine Erfahrungsberichte bei Paydirekt. Und: wer nur laut genug "sicher" im Slogan hat, wird bei entsprechender Beliebtheit von den Hackern auf's Korn genommen.

Käuferschutz: Sollte die Ware einmal nicht versandt werden, keine Sorge! Mit paydirekt genießen Sie vollen Käuferschutz. Melden Sie uns einfach über Ihren Kundenbereich Ihr Anliegen und wir kümmern uns darum. Sie erhalten im Fall der Fälle eine volle Erstattung des Kaufbetrags sowie der Versandkosten bei versandfähigen Waren.

Sofort lässt sich einen Schutz zusätzlich bezahlen, denn tatsächlich steht hinter dem Konzept einfach nur eine Vorkasse-Überweisung, die keinerlei Schutz von irgendwem genießt.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich möchte weder PayPal noch Sofort in Schutz nehmen. Die Gebühren von beiden sind zu hoch, das Interface und die API von beiden ist oder war zumindest lange Zeit eine Zumutung, aber sie haben einen enormen Vorteil: In fast jedem deutschen Onlineshop, und sei er noch so exotisch, wird zumindest einer von beiden als Zahlungsmethode angenommen. Und kommt mir nicht mit Datenschutz. Facebook weiß ohnehin, was ich eingekauft habe, weil ich im Zweifelsfall mit seinem unverschlüsselten Bot darüber gechattet habe oder über Facebook-Buttons gestolpert bin.

Was bleibt noch? Ach ja, Barzahlen.de. Konzept: Wir nutzen die Kassen im Supermarkt als Bankschalter und lassen Kunden quasi-anonym mit Bargeld bezahlen. Das erfreut sich wohl einiger Beliebtheit bei N26, dem sympathischen Fintech Startup aus Berlin, das sich damit die Geldautomaten-Gebühren sparen will. Wenn es denn nicht am Kassenpersonal bei Rewe scheitert. Ein Hörer hatte sich bei mir gemeldet, der einen Onlineshop betreibt und sehr erfolgreich Barzahlen.de als Zahlungsmethode anbietet: Es ist ein Headshop, verkauft also Zubehör für den Konsum von Cannabis und anderen Rauchwaren. Würden seine Kunden bedenkenlos bei Paydirekt zahlen?

Das Versagen auf Händlerseite ist inzwischen ausreichend dokumentiert. Es gibt keinen Self-Sign-On (es läuft über die Hausbank, vermutlich sind Faxgeräte beteiligt), es gibt keine zuvor einsehbaren Preise (Verhandlungen mit allen Banken einzeln sind vonnöten), die Preise sind allerdings laut Insidern höher als bei der Konkurrenz. Bevor ich freiwillig einen Bankberater anrufe, geschweige denn ein Dutzend, habe ich schon lange den PayPal-Warenkorb auf der Seite integriert.

Essentiell für die Masse der kleinen Shops sind Plugins für die gängigen Shopsysteme, für die Paydirekt eine Lizenzgebühr von einer Drittfirma einkassieren lässt. Stripe macht vor, wie es geht: In der Dokumentation sind direkt Codeschnipsel mit gültigen Testkeys, die zeigen, wie die Abrechnung funktioniert. Kann man in ein Terminal kopieren und sehen, ob das für den eigenen Shop funktioniert.

Man kann den Twitter-Account damit ein wenig foppen, aber das Vergnügen hilft nicht nachhaltig gegen die Probleme.

Das Resultat nach einem Jahr Paydirekt: Die Sparkasse meldet in internen Folien 400 Transaktionen. Pro Woche. Passender Kommentar dazu: Dafür braucht man ja noch nicht einmal den Rechner hochfahren. Das geht von Hand. Eine Überweisung alle 20 Minuten. Glückwunsch. Paypal macht über 200 pro Sekunde.

Das Englische kennt die schöne Redewendung für die Situation: Throwing good money after bad. Bisher sind wohl zumindest 100 Millionen Euro in Paydirekt versenkt worden. Um das noch ein paar Jahre weiterzuschleppen, sind noch viele weitere Millionen nötig. Und dann wird die Bude schulterzuckend dichtgemacht oder wie ein ungeliebtes Spielzeug in der Ecke liegengelassen, wie GeldKarte und GiroPay, die anderen gescheiterten Versuche der deutschen Banken, weg vom Überweisungsträger.

Ich empfehle also dringend, Paydirekt noch vor dem Weihnachtsgeschäft schnell wieder dichtzumachen. Denn eine sinnvolle Alternative wäre bis dahin sehr einfach zu implementieren, und PayPal und Sofort würden 2017 in Deutschland kaum noch einen Cent Umsatz machen.

Wir überlegen uns morgen in Teil 2 dieses Posts mal, was überhaupt das Ziel ist (das Paydirekt irgendwo in einem Meeting aus den Augen verloren hatte), und wie das System aussehen würde.